2018 - Beutetiere für den Tiger

Unser Jahr 2018 begann im Januar mit einem Besuch* unseres Projektgebietes, der Khlong Lan und Mae Wong Nationalparks in Thailands Dawna Tenasserim Landschaft. Anlass dieses Besuches war nicht nur, die aktuelle Situation zum Tigerschutz sowie geplante Aktivitäten vor Ort zu besprechen, sondern auch die Menschen persönlich kennenzulernen, die Tigerschutz Realität werden lassen: unsere Wildhüter.

Manche sind seit über 20 Jahren dabei und berichten voller Leidenschaft, dass sie sich nichts anderes vorstellen können, als ihre Wälder und die darin lebenden Tiere zu schützen. Obwohl sie oft monatelang von ihren Familien getrennt sind, im Schnitt einmal pro Jahr an Malaria erkranken und jedes Aufstöbern von Wilderern eine potenzielle Gefahr für ihr Leben darstellt, sind sie voller Überzeugung und mit Leidenschaft die Hüter ihrer Heimat. Auf die Frage, ob sie bei ihren täglichen Wanderungen durch die Wälder schon selbst auf einen Tiger gestoßen seien verneinen die meisten von ihnen. Einer der Wildhüter, der bereits seit 27 Jahren in seinem Beruf tätig ist erzählt, dass er einmal eines dieser wundervollen und scheuen Tiere getroffen habe. Beim Aufbau des nächtlichen Lagers stand das Tier plötzlich im Gebüsch und hat ihn und seinen Kollegen neugierig beobachtet. Es hat sich wohl um einen jungen Tiger gehandelt, der zuvor noch nie einen Menschen zu Gesicht bekommen hat. Er ist genauso schnell verschwunden wie er erschienen ist. Auch wenn ein solches Zusammentreffen nicht ganz ohne Angst an einem vorbeigeht, so betont unser Wildhüter, dass diese Begegnung doch ein magischer Moment in seinem Leben war. Ein Moment, den er nie vergessen wird.

 
                                                                             Besuch des Mae Wong Headquarters (© privat)

 
                      Besuch der Mae Krasa Rangerstation, die mit Hilfe der A World for Tigers Foundation 2015 errichtet wurde (© privat)

In etwa 100 Wildhüter sind derzeit an durchschnittlich 25 Tagen pro Monat im Gebiet der Nationalparks im Einsatz und legen dabei pro Jahr mehr als 8.000 km zurück. Durch den Bau der durch die A World for Tigers Foundation mitfinanzierten Mae Krasa Wildhüterstation ist das Gebiet, das sie durchstreifen und überwachen können, noch größer geworden. Dabei schützen sie bei ihren Patrouillen nicht nur Tiger sondern auch weitere dort lebende gefährdete Arten, wie zum Beispiel Elephanten, Gaur (der größte lebende Vertreter der Rinder) oder Tapire.

 
       Patrouillengang durch den Dschungel: Direkt in der Nähe einer Kamerafalle (links) werden frische Tigerspuren gefunden (rechts) (© privat)

 
                          Auswertung von Kamerafallenbildern vor Ort (links) und Verarbeitung der Daten (rechts) (© privat)

Die Ergebnisse des vergangenen Jahres bestätigen, dass die beständige Arbeit der Wildhüter vor Ort Früchte trägt. Wie auch bereits in den vorhergehenden Jahren wurde aufgrund des unermüdlichen Einsatzes der Wildhüter kein einziger Tiger durch Wilderer erlegt! Die Resultate der diesjährigen Tigerzählung belegen, dass die Tigerpopulation in diesem Gebiet stabil ist und gegenüber der zuletzt vor 2 Jahren durchgeführten Zählung sogar leicht zugenommen hat. Mit den insgesamt 165 Kamerafallen, die an 82 verschiedenen Orten installiert sind, konnten insgesamt 16 Tiere in den beiden Nationalparks Mae Wong und Khlong Lan nachgewiesen werden, darunter 6 weibliche und 4 männliche Tiger und 6 Jungtiere.

 
 
       Kamerafallenbilder von Gaur, Tapir, Tiger und Elephant in den Mae Wong und Khlong Lan Nationalparks (© DNP & WWF Thailand)

So sehr diese Ergebnisse Grund zur Freude sind und uns zeigen, dass der aktive Tigerschutz durch das umfassende Wildhüterprogramm funktioniert, so bestätigen die Zahlen jedoch auch, dass der Beutetierbestand in der Gegend zu niedrig ist, um eine deutliche Zunahme der Tigerzahlen zu ermöglichen. 

Die Wildhüter berichten, dass die größte Bedrohung unter allen illegalen Aktivitäten in den Wäldern nach wie vor die Wilderei darstellt. Dabei stehen nicht mehr nur gefährdete Tierarten wie der Tiger im Fokus der Wilderer, sondern in immer größerem Maße auch die Beutetiere des Tigers, wie etwa Sambarhirsche oder Bantengs (Wildrinder), die in lokalen Restaurants    als   Delikatesse   angeboten werden. Der immer stärkere Rückgang der Beutetiere hat dramatische Folgen. Zum einen liegt die Fortpflanzungsrate der Tiger mit ca. 0.813 Jungtieren pro weiblichem Tier pro Jahr deutlich unter einer Rate von bis zu 1.35 Jungtieren, die man in Gebieten mit einer höheren Dichte an Beutetieren findet. Zudem liegt die Überlebensrate von Jungtieren aufgrund des Nahrungsmangels bei nur ca. 50%. Besonders Jungtiere, deren Jagdgeschick noch weniger gut ausgeprägt ist als das eines erfahrenen älteren Tieres, sind vom Rückgang der Beutetiere betroffen.

Will man eine deutliche Steigerung der Tigerzahlen erzielen, so müssen daher die folgenden Hauptmaßnahmen in unserem Projektgebiet zeitnah umgesetzt werden:

  • Durch die Ausbildung zusätzlicher Wildhüter und die Durchführung spezieller Anti-Wilderei-Trainings soll ein noch effizienteres Vorgehen gegen Wilderer und damit auch ein besserer Schutz für die Beutetiere der Tiger gewährleistet werden.
  • Durch Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung muss verhindert werden, dass aus Unwissenheit über die Konsequenzen lokale Einheimische Beutetiere jagen und selbst konsumieren bzw. als „Bush Meat“ auf Märkten verkaufen.
  • Die Anzahl der Beutetiere muss gezielt erhöht werden, indem eine geschützte Vermehrung der Tiere in sogenannten „Breeding Centern“, d.h. gesicherten Gehegen, gefördert wird und die Tiere anschließend in die freie Natur entlassen werden.

 

Ausbildung neuer Wildhüter und Durchführung spezieller Anti-Wilderei-Trainings

Um künftig auch die Beutetiere der Tiger besser schützen zu können wurden zahlreiche Trainingscamps durchgeführt bei denen sowohl neue Wildhüter ausgebildet wurden als auch erfahrenen Wildhütern neue Techniken vermittelt wurden, mit deren Hilfe noch besser gegen Wilderer vorgegangen werden kann. 35 neuen Wildhütern wurde in einem „SMART Patrol Training“ die Durchführung von Patrouillengängen, das Aufspüren und die Festnahme Verdächtiger, der richtige Umgang mit Waffen und eine Geländeausbildung vermittelt. Für 65 Wildhüter, die das Basistraining bereits absolviert hatten, fanden Auffrischungskurse statt. Zudem wurde ein 1-wöchiger „SMART Patrol Intelligence Course“ für 30 erfahrene Teamleiter der Wildhüter durchgeführt. Bei diesem speziellen Anti-Wilderei-Trainingscamp ging es darum, den Wildhütern eine noch effizientere Vorgehensweise gegen Wilderer beizubringen, indem ihnen die neuesten Techniken und Methoden in den folgenden Bereichen vermittelt wurden: fortgeschrittene Geländeüberwachung, Beschattung von Verdächtigen, Tarnung und Sichern eines Tatortes sowie  Zusammenarbeit mit Informantennetzwerken und zeitnahe Integration von erworbenen Informationen in die laufende Arbeit.

 
                                            Teilnehmer des SMART Patrol Intelligence Course (© DNP & WWF Thailand)

Insbesondere auf dem Gebiet der Überwachungstechniken werden nun Methoden eingesetzt, die einen deutlich besseren Schutz der Wälder und Tiere ermöglichen. Mit Kameras, die Fotos und Videos in Echtzeit übertragen, können Wilderer frühzeitig entdeckt werden, bevor es zu illegalen Aktivitäten kommt. Die Kameras werden an den Grenzen der Schutzgebiete installiert, so dass Wilderer   bereits   beim   Betreten   des Waldes erfasst und die Wildhüter durch eine  direkte  Übertragung  der Daten auf ihre Handys darüber informiert werden. Den Wildhütern wird so ermöglicht, sich auf schnellstmöglichem Weg dorthin zu begeben, wo sie benötigt werden.

 

Aufklärungskampagnen an Universitäten, Schulen und in Dörfern

Ebenso wichtig wie eine fundierte Ausbildung der Wildhüter sind auch Aufklärungskampagnen an Universitäten, Schulen und in lokalen Dörfern. Da sie die große Hoffnung für die Zukunft des Umwelt- und Artenschutzes in ihrem Land darstellen, wurden auch dieses Jahr Tigerschutz-Kurse für Schüler und Studenten durchgeführt.

In einem 3-tägigen „Tiger Youth Camp“ wurde 130 Schülern im Alter von 9-11 Jahren die große Bedeutung intakter Ökosysteme und die Wichtigkeit, wildlebende Tiere wie den Tiger zu schützen, vermittelt. Zusätzlich zu den wichtigen Themen des Umwelt- und Artenschutzes lernten die 115 Forstwirtschaftsstudenten der Faculty of Forestry-Kasetsart University in 3 jeweils 1-wöchigen Trainingscamps auch die grundlegenden Kenntnisse eines Wildhüters. Dieses Wissen stellt eine Bereicherung für ihr späteres Berufsleben dar und hilft gleichzeitig dabei, ein Fundament für die Zukunft des Arten- und Umweltschutzes zu bauen.

 
                                                                                Tiger Youth Camp (© DNP & WWF Thailand)

 
                                                                       Trainingscamp für Studenten (© DNP & WWF Thailand)

Im Rahmen einer regelmäßigen Fort- und Weiterbildung der lokalen Bevölkerung in Sachen Tiger- und Artenschutz wurden mehrere an die Nationalparks angrenzende Schulen und Dörfer besucht, um den dort lebenden Menschen die umfassende Bedeutung von Tigerschutz zu vermitteln. Den Lebensraum des Tigers zu schützen heißt auch dabei zu helfen, Trinkwassersicherheit zu garantieren, die Auswirkungen des Klimawandels zu reduzieren und für saubere Luft, medizinische Pflanzen oder Jobs zu sorgen. Insgesamt nahmen 1050 Dorfbewohner und 390 Schüler an den Vorträgen und Aktivitäten teil und wir hoffen, dass sich das erworbene Wissen der Teilnehmer auch auf Freunde und Familienangehörige übertragen wird. 

 
   
                                                      Aufklärungsarbeit in einem Dorf und einer Schule (© privat)

 

Auswilderungsaktionen zur Steigerung der Beutetierzahlen

Als dritte wichtige Maßnahme, um eine Steigerung der Tigerzahlen in den Mae Wong und Khlong Lan Nationalparks zu ermöglichen, fand eine erste Auswilderungsaktion von Bantengs im Mai diesen Jahres statt. 

Die Tiere wurden zunächst zum Salakpra Wildlife Sanctuary, Kanchanaburi Wildschutzgebiet gebracht, von dem sie nach einer 6-wöchigen Eingewöhnung in die Wildnis entlassen wurden. Es werden noch zahlreiche weitere Auswilderungsaktionen folgen müssen, um eine signifikante Erhöhung der Beutetierzahlen des Tigers zu erzielen, aber auch hier ist ein erster wichtiger Schritt getan, um das Überleben dieser wunderschönen und einzigartigen Tiere zu gewährleisten.

 
                                                    Auswilderung von Bantengs in den Nationalparks. (© DNP & WWF Thailand)

Es liegt ein ereignisreiches und erfolgreiches Jahr hinter uns. Mit Eurer Hilfe konnte die A World for Tigers Foundation dieses Jahr die Durchführung der essenziell wichtigen Anti-Wilderei-Trainings finanzieren und 80 Wildhüter mit dem nötigen Equipment ausstatten. Dafür möchten wir uns auch im Namen der Wildhüter bei allen unseren Unterstützern von Herzen bedanken. Danke, dass Ihr dem Tiger so treu zur Seite steht!

                                                      

*Hinweis: Reisen in unsere Projektregion werden vollständig privat finanziert. Alle Spendengelder, die die A World for Tigers Foundation erreichen, fließen zu 100% in unser Tigerschutzprojekt.